Alpencross 2017

Am Mittwoch, den 19. Juli 2017, hatte unser ungeduldiges Warten endlich ein Ende. Wir, 12 Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs 2018, machten uns nach einjähriger Vorbereitung im Rahmen des gleichnamigen Projektseminars auf ins Abenteuer Alpencross. Unser wochenlanges Training wurde von Allgäu TV in einem kurzen Clip festgehalten. [Zum Ausschnitt auf Youtube geht's hier.] Begleitet wurden wir von unserer engagierten Lehrkraft Steffi Hinder und dem fleißigen Steffen Speißer, Papa von Lea. Geplant war eine klassische Überquerung mit dem MTB von Oberstdorf nach Riva am Gardasee. Dafür hatten wir zudem ein Begleitfahrzeug zur Verfügung. Dieser leistungsmäßig begrenzte VW-Bus wurde von unserem Physiklehrer Tobias Pilz gefahren und beherbergte Ersatzmaterial und restliches Gepäck.

Da wir den VW-Bus schon am Abend zuvor bepackt hatten, konnten wir nach kleiner Verzögerung - Anna musste noch kurzfristig eine Regenhose für Flo organisieren - bereits gegen 7.30 Uhr starten. Vom Fellhornparkplatz aus fuhren wir entlang der Stillach unserer ersten großen Prüfung entgegen, dem Schrofenpass. Dieser erforderte auf Grund zahlreicher Tragepassagen einiges an Mut: Der in den Fels gesprengte Pfad war nie breiter als eineinhalb Meter und zeichnete sich zudem durch zahlreiche Metalltreppen aus. Hier war zum ersten Mal Teamwork gefragt. Von einem drohenden Gewitter angetrieben, gönnten wir uns oben angekommen nur eine kleine Brotzeit. Denn anschließend ging es einen äußerst ruppigen Trail ins Lechtal hinunter. Die rasante Abfahrt musste allerdings kurz unterbrochen werden, denn Lara hatte ihren Rucksack beim Brotzeiten vergessen. Wenig später war es dann geschehen: Tobi hatte eine Platten. Auch Mario und Luca mussten dem schwierigen Untergrund Tribut zollen und fanden sich recht schnell auf dem Boden der steinigen Tatsachen wieder. Auf der Abfahrt, die dem Flexenpass folgte, reihte sich Flo dann auch noch in die verachtete Liste der Platten ein: Ein spitzer Eisengegenstand wurde ihm bei einer Bachdurchquerung zum Verhängnis. Während der Großteil der Gruppe mit Steffen die Straße hinunter zum Etappenziel St. Anton fuhr, wagten einige furchtlose Teilnehmer noch einen technisch versierten Trail mit Steffi. Dieser endete für Mario schon nach wenigen Metern mit einem Frontflip im Matsch. Kurz im See abgewaschen konnte allerdings weitergefahren werden. Im Folgenden lieferte sich Manu einen erbitterten Kampf mit den zahlreichen Spitzkehren, aus dem er allerdings als unterlegener Verlierer hervorging. Unten angekommen gingen wir am Abend alle zusammen zum wohl verdienten Burger-Essen. Was erst später bekannt wurde: Es war die vorläufig letzte Unterkunft mit kostenlosem WLAN.

Am zweiten Tag folgten wir wieder zuerst einem Bachlauf - allerdings in entgegengesetzter Richtung, was eine permanente Steigung bedeutete. Für Manu begann der Tag schmerzhaft. Trotz wiederholten Warnungen von Steffi rutschte er auf einer Holzbrücke aus und litt die restlichen Tage an einem stark geschwollenen Knöchel. Doch Manu erwies sich als Beißer. Durch ein einsames Tal gelangten wir mittags schließlich zur Heilbronner Hütte. Dort stärkten wir uns für die anschließende Abfahrt im Regen, die uns unserem Etappenziel Ischgl immer näherbrachte. Nachdem wir den dortigen Supermarkt geplündert hatten, entspannten wir im lokalen Hallenbad.

Am nächsten Morgen erleichterten wir uns die Auffahrt ins Skigebiet Ischgl durch eine Gondelfahrt. Dies war augenscheinlich auch von Nöten, denn die schwindenden Kräfte offenbarten sich schon beim Frühstück, als Philipp eine frisch aufgefüllte Müslischüssel aus den Händen glitt. Mit 20-minütiger Verspätung machten wir uns also gen Gipfel auf. In dieser luftigen Höhe machte sich sogleich der Sauerstoffmangel bemerkbar. Allerdings wartete ein flowiger Singletrail zur Heidelberger Hütte auf uns, welchen wir uns allerdings zuerst durch eine 300 hm lange Tragepassage über schroffes Gestein verdienen mussten. Diese - als Ruhetag eingeplante Etappe - endete schon um 14.30 Uhr. Allerdings nicht ohne einen wiederholten Platten. Tobi M. war dieses Mal der Betroffene und musste beim anschließenden Aufpumpen des Reifens mit Anna zusammen Nerven beweisen. Die anderen hatten währenddessen schon längst diverse Kartenspiele entdeckt. UNO und eine Singstunde mit Gitarrist Flo stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl nachhaltig, während man die Roaming-Gebühren in der Schweiz verfluchte. Das Geld wäre für eine warme Dusche besser angelegt gewesen, denn das eiskalte Wasser versetzte einen vorübergehend in einen Gefrierzustand.

Wir waren noch keine 50 Meter gefahren, da begann am darauffolgenden Morgen schon die erste Tragepassage. Die gestrigen Tiefenmeter rächten sich also prompt. Die anschließende Abfahrt mussten wir uns dann mit zahlreichen Kühen teilen. Gegen Mittag folgte der Aufstieg Richtung Sesvenna Hütte. Nach zahlreichen Serpentinen stand ein weiteres Highlight an - die berühmt berüchtigte Uina-Schlucht. Voller Ehrfurcht schoben wir unsere Bikes auf einem zwei Meter breiten ehemaligen Schmugglerweg durch die Schlucht, während 200 m unter uns der sichere Tod wartete. Die Erleichterung war riesig, als wir am Abend in unsere Betten fielen und 14 Kameraden im Bettenlager neben uns wussten.


Der fünfte Tag erfüllte wieder sämtliche Klischees einer Alpenüberquerung. Kaum waren wir 500 m bergab gefahren, hörte man schon wieder das verdächtige Zischen eines Reifens. Anna war wohl zu rasant über die Regenrinnen gefahren. Über einen 30 km langen Radweg gelangten wir anschließend quer durch das Vinschgau bis nach Morter, wo wir auf Nico Roos, Onkel von Luca, trafen. Dieser löste den unermüdlichen Helfer Steffen als Begleitperson ab. Doch auch Nico erwies sich als äußerst hilfreicher Teamplayer. Danach begann der Anstieg zur Tarscher Alm, welcher nach einer Vielzahl von Serpentinen zum Zwischenziel Latscher Alm führte. Der dortige Kaiserschmarrn rüstete uns für die letzten 300 hm, die steiler kaum hätten sein können. Oben angekommen wartete die erste warme Dusche seit Ischgl auf uns. Luxus pur mitten in alpinen Bergen.


Am nächsten Morgen war wieder purer Leistungswille gefragt, denn eine weitere Tragepassage folgte. Der anschließende steinige Trail entschädigte allerdings dafür. Gegen Mittag bewahrheiteten sich dann aber doch unsere schlimmsten Befürchtungen, denn es begann auf dem Weg nach St. Gertraud wie aus Kübeln zu schütten. Zuerst noch in einer Garage Unterschlupf gefunden, nutzten wir das schlechte Wetter für eine ausgiebige Mittagspause in einer Pizzeria. Frisch gestä:rkt stürzten wir uns sofort in den brutalsten und l&aum;ngsten Anstieg der Tour hinauf zur Haselgruber Hütte, an dessen Ende fast 2000 Tageshü:henmeter bei nur 30 gefahrenen Kilometern zu Buche standen. Aber wir waren in Italien angekommen und das machte sich in erster Linie beim Essen bemerkbar. Denn wo sonst bekommt man Spaghetti als Vorspeise aufgetischt. Die Vorfreude auf die kommenden Endetappen war jedenfalls bei jedem Einzelnen zu spüren.

Am siebten Tag starteten wir direkt in einem flowigen Trail hinab nach Rabbi, an dessen Ende sich bei Luca eine Schraube am Dämpfer löste. Herr Pilz sprang ein und lieh Luca sein Fahrrad. Anschließend näherten wir uns - größtenteils auf Asphalt - unserem Etappenziel Madonna di Campiglio. Doch zunächst stand ein monotoner Anstieg hinauf ins Skigebiet an. Nico half dabei wieder an allen Ecken und Enden aus und schleppte nach Steffis' Vorbild einige übersäuerte Beine ab. Ersatzschläuche wurden dazu zweckentfremdet. Der Wettergott hatte währenddessen Gnade mit uns und beließ es bei einem leichten Nieseln. In Madonna angekommen war unsere Priorität Nummer eins, ein Restaurant für den begrenzten Schülergeldbeutel aufzusuchen. Schließlich landeten wir in einer Pizzeria, die mit einzelnen von uns gar doppeltes Geschäft machte. Frisch gestärkt ging es dann weiter zu unserer Unterkunft, die etwas außerhalb von Madonna lag. Doch bevor wir die luxuriösen Betten beziehen durften, musste noch der alltägliche Fahrradcheck vorgenommen werden. Auf Anraten von Tobi M., unserem Mechaniker, zog Philipp noch seine Schrauben fest - allerdings meinte er es zu gut und eine Schraube zerbrach. So musste er am nächsten Morgen mit Herrn Pilz' Fahrrad weiterziehen. Während einige ihre Fahrräder auf Vordermann brachten, strotzten andere noch vor Energie und unternahmen eine Extratour entlang der Brenta Gruppe. Manu wird diese im Nachhinein allerdings bereuen, denn er kehrte mit einem platten Reifen zurück.

Am letzten Tag unserer Tour war noch einmal Tragen angesagt. Doch der Start verzögerte sich: Flo musste noch einen schleichenden Platten reparieren und war von nun an siegesbewusst alleiniger Spitzenreiter im Platten-Ranking. An einem von zahlreichen Bergseen entlang näherten wir uns anschließend dem Etappenhöhepunkt. Bei einer kleinen Pause wurde eine ältere Frau auf uns aufmerksam. Trotz Sprachdifferenzen schenkte sie uns zur Feier des Tages eine Flasche Sekt, von der wir ziemlich rasch nur noch den Boden sahen. Auf einem Radweg näherten wir uns also unserem großen Ziel, auf das wir acht Tage hingearbeitet hatten. Die letzten Meter waren von Stolz, Glückseligkeit und quietschenden Fahrrädern geprägt. Der gemeinsame Sprung ins frische Nass des Gardasees beendete dann alle Anstrengungen. Wir hatten es geschafft: 12.000 hm und 350 km steckten in unseren Oberschenkeln! Die restlichen eineinhalb Tage verbrachten wir dann in Riva. Dort übernachteten wir in einer Jugendherberge, bevor wir uns am Freitag, den 28. Juli 2017 wieder gen Heimat aufmachten. Die restlichen freien Stunden wussten wir allerdings zu nutzen. An beiden Abenden war Pizza-Essen angesagt, bevor wir uns an der Strandpromenade niederließen und bei dem einen oder anderen kalten Getränk unseren Triumpf feierten. Während bei den meisten am Donnerstag bis weit in den Tag hinein Ausruhen auf der Agenda stand, nutzten einige noch das beispiellose Wetter und unternahmen mit Nico und Steffi eine kleine Extratour. Dabei wurde man mit traumhaften Ausblicken auf den kristallklaren Gardasee belohnt. Nachmittags stürzten sich die meisten dann noch mit waghalsigen Manövern von einer ca. sieben Meter hohen Brücke in die Wassermassen, um dann am nächsten Morgen erschöpft mit zwei VW-Bussen und einem Anhänger die Heimreise anzutreten. Das Verlangen der Busfahrerin nach Kommunikation war dabei wenig förderlich für ein kleines Nickerchen. In Lindenberg angekommen warteten schon Freunde und Familie, denen man Rede und Antwort über ein unbeschreibliches Abenteuer stehen musste.

Schlussendlich gilt unser besonderer Dank Projektleiterin Steffi, die uns trotz zahlreicher nervenaufreibender Augenblicke nie im Stich gelassen hat. Aber auch Nico, Steffen und Herr Pilz haben auf Grund ihrer Hilfsbereitschaft großes Lob verdient. Wir werden diese ereignisreiche Transalp auf ewig in Erinnerung behalten.

P-Seminar Alpencross, am 16. Oktober 2017